Deutsche Meisterschaft Halle 2018 in Solingen aus der Sicht einer deutschen Meisterin …

Nach einem schönen Morgen, gut gestärkt mit wunderschönem Frühstücksbuffet von meinem Mann, Philipp Räder, haben wir uns zusammen mit zwei Krefelder Vereinskollegen auf den Weg nach Solingen gemacht. Stefan Kothen hatte sich mit 569 Ringen ebenfalls zur DM qualifiziert und wir waren alleine daher schon sehr stolz auf ihn. Schließlich schießt er noch nicht so lange, hat sich in den letzten Monaten extrem gesteigert und es sogar zur DM-Teilnahme des DSB geschafft. Ähnlich war es bei Annika Rennett, einer herausragenden Schützin aus meiner Bogenjugend, die gleich in ihrem ersten Jahr mit dem Olympisch Recurve an der DM teilnehmen durfte. Sie schoss allerdings als Schülerin erst am Sonntagmorgen, wo ich sie, so gut ich konnte, gecoacht habe.

Ich hatte ein super Gefühl für den Tag, denn mein Qualifikationsergebnis von der Landesmeisterschaft war mit 562 Ringen sehr zufriedenstellend, auch die letzten Turniere waren leistungsmäßig in Ordnung und ich hatte am Vorabend noch ein ausgiebiges Mentalprogramm gemacht, was mir sehr viel Sicherheit gab. Zwar fühlte ich eine aufkommende Erkältung, die mich gleich am Folgetag auch ziemlich erwischte, aber die Symptome habe ich einfach ignoriert und mich auf mein Schießen konzentriert.

Ich wusste, wenn ich einfach nur mein Ding durchziehe, würde ich auf jeden Fall ins Finale kommen und ich liebe Finalschießen einfach! Hinzu kommt, dass die Halle in Solingen fast wie ein Heimspiel für mich sein würde, weil ich als Krefelderin dort einen Großteil der Leute kenne und sehr mag.

Das Einschießen lief sehr gut. Ich kam gut in meinen Rhythmus, konnte mich sehr gut konzentrieren und konnte mich auf meinen Stil verlassen.

In der folgenden Begrüßungsrede baute der Hinweis „die Sieger bekommen übrigens Geschenke, ne, Meike?“ von Günter zwar kurzzeitig etwas Druck auf, aber ich dachte mir, dass ich das auch durchaus als Herausforderung sehen kann – warum nicht auf dem Treppchen landen?! Schließlich habe ich jahrzehntelang hart dafür trainiert und bin gerade mental sehr stark. Darüber hinaus würde das ein ganz wunderbares Geschenk für meine Mutter sein, die am 03.03. Geburtstag hat ￿

Guter Dinge startete ich in den Wettkampf. In den ersten Passen war ich zwar etwas aufgeregt, was sich auch an der eher mittelmäßigen Leistung zeigte. Aber dann kriegte ich meine etwas zögerliche Haltung recht schnell in positive Energie umgewandelt und kam in meinen Flow. Ich wusste, dass ich mich auf mein Schießen verlassen konnte und hatte einfach eine riesen Freude. Mit meinen Scheibenkolleginnen und den vielen netten Rheinländerinnen um mich herum haben wir uns auch sehr gut verstanden, was natürlich auch immer hilfreich ist.

Im ersten Durchgang erreichte ich 281 Ringe, womit ich sehr zufrieden war. Eine solide Leistung – weiter so. Nach der Pause kam ich leider überhaupt nicht rein, weil ich irgendwie „zu locker“ war: die Folge waren mehrere 8er, die natürlich unnötig waren. Mein Mann redete mir also nochmal ins Gewissen und ich fand meinen „Hebel“, woraufhin ich wieder zu meiner Form fand. Vor jedem Schuss konzentrierte ich mich intensiv auf meinen Schießablauf, kam gut in meine „Bubble“ und konnte dann einfach abliefern. Das Ergebnis reichte für Platz 5, so dass ich im Finale stand.

Als ich dann sah, dass die Solinger, deren Organisation der DM insgesamt übrigens außerordentlich gut war, noch eine extra Bahn fürs Finale aufbauten, war für mich klar: Du muss es unbedingt ins Finale schaffen! Das ist genau dein Ding! Es erinnerte mich an die Aufmachung des Finales beim Kings of Archery Turnier vor einigen Monaten in den Niederlanden, bei dem ich es hinter Lisa Unruh auf den 3. Platz geschafft hatte.

Die Aufregung war verflogen und ich war komplett bei mir. Einzig die relativ langen Wartepausen zwischen den Finalmatches machten mir etwas zu schaffen, da es schwer war, die Konzentration dann jeweils direkt wieder hinzukriegen.

Im ersten Match konnte ich mit 28, 30 und 28 stark beginnen und lag 5:1 gegen Nicole Reußer vorne. Meine ersten Pfeile waren mit einer 9 und einer 8 zwar nicht der Hit, aber ich wusste, dass mir eine 9 reichen würde, um das Match zu gewinnen. Also schoss ich einfach ganz locker ins Gold und konnte mit einer 26 zu einer 26 den einen noch fehlenden Punkt holen.

Im nächsten Match wusste ich, dass es gegen Rabea Moschner schwieriger werden würde. Ich wusste, dass es nicht reichen würde, bewusst ins Gold zu schießen, sondern, dass ich zwar die Kontrolle über den Schuss behalten, die Ausführung jedoch an mein Unterbewusstsein übergeben müsste. Daher habe ich mir gesagt, dass ich mich auf mich verlassen kann und erzeugte dieses positive, kribbelnde Gefühl in mir, was ich immer habe, wenn ich in einen „10er Rausch“ komme. Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht, wie gut das funktionierte, denn ich schoss in dem Match 30, 29, 30, 28 und gewann erneut 6:2.

Es lief wie auf Schienen und ich wusste, dass ich es auch gegen Michelle Kroppen schaffen kann. Die Tatsache, dass sie soeben Weltmeisterin mit dem Team in Yankton geworden ist, ist natürlich sehr bemerkenswert und stellte für mich eine große Herausforderung dar. Jedoch beschloss ich für mich, der Tatsache, gegen wen ich da gerade schieße, keine große Aufmerksamkeit zu schenken, sondern einfach das Beste aus mir herauszuholen, was ich zurzeit hinkriege und dann einfach zu sehen, ob es reicht.IMG_8122

Der Plan ging auf und ich besiegte Michelle mit 6:0. Eine echte Ehre! Als wir beiden letztes Jahr draußen auf dem Gelände des Krefelder SSK ein paar Mal auf 70m zusammen trainiert hatten, lag ich in den meisten Passen mehr oder weniger deutlich hinter ihr. Aber in der Halle habe ich mit 35 lbs einfach bessere Chancen und die Chance habe ich genutzt.IMG_8157

Somit durfte ich dann ins Goldfinale gegen Isabel Kühl einziehen. Beim Einschießen fürs Goldfinale merkte ich schon, dass mein 10er Rausch so langsam ein Ende genommen hatte – aber jetzt nur nicht verrückt machen! Ich schoss einfach meinen Streifen und hoffte darauf, dass meine Gegnerin vielleicht Nerven zeigen würde. Dann lief der Einmarschsong „Eye of the Tiger“ – mein Lieblingslied für solche Situationen. Das war damals schon meine Wahl beim Abiball und im November auch bei Kings of Archery. Meine Stimmung wendete sich wieder zum Positiven. Sehr schön fand ich natürlich auch, dass so viele Leute für mich jubelten und mir zeigten, dass sie hinter mir standen. Der 20 Sekunden-Rhythmus war für mich ungewohnt, aber im Normalfall brauche ich unter 7 Sekunden für einen Schuss, so dass ich genug Zeit haben würde, trotzdem in meinem Rhythmus zu schießen und mich vorher immer kurz zu konzentrieren. Nun ging es los und ich durfte anfangen. Leider stellte ich recht schnell fest, dass ich fast nichts sah, da der Strahler nicht meinen Bogenarm aufheizte, sondern so hell war, dass meine orangene Sehne extrem leuchtete und eine Aura um mein Visier herum erzeugte. Ich schoss also die erste Passe quasi fast blind und war dadurch etwas verunsichert. Mein Mann, der mich bei dem Match coachte, sagte mir jedoch, dass ich mich davon nicht beunruhigen lassen solle und eine 10 auch schießen kann, wenn ich das Visier nicht perfekt sehe. Von Passe zu Passe fiel es mir leichter, mir meine Pfeile einfach „ins Gold zu denken“. Als es schließlich 5:5 stand und ein Stechen ins Haus stand, wusste ich, dass ich den Pfeil in der Mitte platzieren würde. Das Jubeln in der Halle zeigte mir, dass es eine 10 gewesen sein muss und führte dazu, dass ich mein breites Grinsen nicht länger verstecken konnte. Meine Gegnerin schoss eine 9. Ich wurde Deutsche Meisterin Halle 2018!!

Weitere Artikel:  RSB | Bogensport-Extra | DSB

28617041_10155194063341288_6863167034580156805_o

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s